National League: Doppelrunden erhöhen das Verletzungsrisiko deutlich
30/10/2026
Während die Situation in der Schweiz im Vergleich zu einigen nordamerikanischen Ligen noch beneidenswert ist, wirft die dichte Abfolge der Spiele in der National League angesichts der vielen verletzten Akteure in den Lazaretten Fragen auf – wenngleich mit grossen Unterschieden zwischen den Teams.
Wir hatten bereits auf die stark unterschiedlichen Reisedistanzen der einzelnen Teams hingewiesen (hier lesen), und die Berner Zeitung greift dieses Argument auf und ergänzt es um zwei unbestreitbare Fakten. Während die Mannschaften der National League in immer moderneren Bussen reisen – wie etwa den mit Betten ausgestatteten Doppelstockbussen des SC Bern –, bleibt die Regeneration bei langen Fahrten für manche Spieler problematisch. Dies gilt umso mehr für den HC Davos, der noch in einem einstöckigen Bus unterwegs ist. Angesichts der Schlafprobleme einiger Athleten war der Griff zu Schlaftabletten lange Zeit eine Versuchung, doch der Mannschaftsarzt des Bündner Klubs, Walter Kistler, betont, dass das Schweizer Eishockey in diesem Bereich grosse Fortschritte gemacht hat. Medikamente mit Abhängigkeitspotenzial werden heute mit deutlich mehr Zurückhaltung verschrieben, da sie keinen wirklich erholsamen Schlaf bieten. Um zu verhindern, dass sich die Sportler Substanzen selbst online beschaffen, gewährleistet die medizinische Betreuung nun eine strenge Kontrolle der Behandlungen und setzt vermehrt auf sanftere Alternativen wie pflanzliche Präparate oder Melatonin.
Der andere Aspekt betrifft die Back-to-Back-Spiele. Schweden beweist, dass ein anderes Modell möglich ist: Die SHL trägt ihre Partien üblicherweise dienstags, donnerstags und samstags aus, sodass Begegnungen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die absolute Ausnahme darstellen. Die National League setzt hingegen weiterhin auf einen sehr dichten Spielplan am Wochenende. «Das ist ein kolossaler Unterschied», stellt Stefan Hedlund fest, Assistenztrainer beim HC Lugano, der sich offen fragt, ob schwedische Klubs bei einem solchen Regenerationsschema nicht weniger Verletzungsprobleme hätten.
Einen ersten Erklärungsansatz liefern wissenschaftliche Studien, die die Gefährlichkeit eng getakteter Spiele bestätigen. Eine in Nordamerika anhand von über 33'000 Partien zwischen 2005 und 2019 durchgeführte Untersuchung unter der Leitung des New Yorker Neurologen Benjamin Blond lieferte aussagekräftige Zahlen: Die Verletzungsrate liegt bei Spielen ohne Zwischentag zur Erholung um 55 % höher. Ebenso steigt das Risiko um 44 %, wenn eine Mannschaft innerhalb von sieben Tagen vier statt drei Partien bestreiten muss.
In der Schweiz überrascht dieser Befund im medizinischen Umfeld niemanden. «In der medizinischen Kommission und unter den Teamärzten ist die Problematik der Doppelrunden unbestritten», räumt Dr. Kistler ein. Im Gegensatz zur NHL, wo Verletzungsstatistiken öffentlich zugänglich sind, behandeln die Schweizer Klubs diese Zahlen jedoch streng vertraulich: «Wenn wir etwas bewegen wollen, bräuchten wir handfeste Daten wie in der NHL. Ohne solche öffentlichen Daten müssen wir uns damit begnügen, mit dem gesunden Menschenverstand zu argumentieren.»
Dass die Schweizer Liga ihr Format nicht ändert, hat in erster Linie finanzielle Gründe. Am Freitag, Samstag und teilweise Sonntag verzeichnen die Eishallen deutlich höhere Zuschauerzahlen als an Wochentagen. Die Klubs wollen auf diese unverzichtbaren Ticketing-Einnahmen nicht verzichten, was die Doppelrunde unumgänglich macht, um jedem Team an jedem Wochenende ein Heimspiel zu garantieren.
Um die Reisestrapazen abzufedern, wäre die Organisation von Mini-«Roadtrips» nach nordamerikanischem Vorbild dennoch eine Lösung für die drei geografisch am stärksten benachteiligten Klubs. In der vergangenen Saison konnten der HC Davos und der HC Lugano ihre Auswärtsspiele in Genf und Lausanne unter der Woche hintereinander austragen und vor Ort übernachten, bevor sie die Heimreise antraten. Ein Modell, das in dieser Saison nicht weitergeführt wurde, was namentlich Vincent Praplan bedauert: «Das Niveau der Liga steigt stetig, die Anforderungen an die Spieler nehmen ständig zu, aber der Spielplan ändert sich so gut wie nicht.»